Diese Website verwendet Cookies. Warum wir Cookies einsetzen und wie Sie diese deaktivieren können, erfahren Sie unter Datenschutz.
Zum Hauptinhalt springen
cof

Interview mit der Zeitschrift EXBERLINER: “Praktikerin der Revolutionstheorie - Meine Rosa Luxemburg”

Wo ist Ihnen Rosa Luxemburg das erste Mal begegnet? Erinnern Sie sich, was es war, was Sie zuerst erfahren haben? Wie hat es damals auf Sie gewirkt und was denken Sie jetzt, wenn Sie sich daran erinnern?

Das war ganz unspektakulär aus Interesse während meines Studiums in Hannover. Ich erinnere mich nicht genau an den Inhalt des Seminars, aber es führte vermutlich in die Geschichte politischen Denkens ein. Anders als zu Karl Marx gab es zu Luxemburg keine langfristig angelegten Lektürekurse, sondern eher Angebote mit Überblickscharakter. Weil es mich immer schon nicht nur zu Theorien der Praxis hinzog, sondern auch zu Wirkweisen von Text und praktisch fordernden Gedanken, hat mich an Luxemburg die Unmittelbarkeit begeistert, mit der sie Stimmungen, Erkenntnisse und Politikanspruch performativ auf den Punkt brachte. Ich lebte damals in der Nähe von einem besetzten Fabrikgelände, auf dessen Haupthaus oben im Winkel weit sichtbar ihre Losung „Die Revolution ist wunderbar, alles andere ist Quark“ prangte. Dieser linken Alltagsbotschaft und Reviermarkierung ständig zu begegnen, war ein Gefühl von „zu Hause“. Der Rest bestand im Wesentlichen aus Bildung und Prägung durch Lesen und Diskutieren, später dann im realpolitischen Kontext meiner Partei, für die unter anderem das Theorie- und Lebenswerk Luxemburgs konstitutiv ist.

Was hat Sie an Luxemburg fasziniert? Gibt es ein Moment in ihrem Leben, ein Detail oder auch einen Gedanken in ihrem Werk, das Sie besonders beeindruckt hat und das Ihnen im Gedächtnis geblieben ist? (Bitte mit Erklärung: Warum?)

Am meisten fasziniert mich ihre Kompromisslosigkeit in Zeiten, während der die Sozialdemokratie, an der sie sich verausgabte, fatale Kompromisse schloss. Ihre unerschöpfliche Energie und Risikobereitschaft in Zeiten, die so waren, dass man im Zweifel für politischen Aktivismus in den Knast ging. Diese Gefahren und Einschränkungen hat sie nicht gefürchtet oder widerwillig in Kauf genommen, sondern gelebt und produktiv gewendet. Bei Gefängnisaufenthalten hat sie sich, wenn die Bedingungen stimmten, sortiert und geschrieben. Entlassungen vor Ablauf der Haftzeit wie bei der Amnestie für ihre Majestätsbeleidigung 1904 nahm sie nicht erleichtert hin, sondern verwehrte sich gegen den obrigkeitsstaatlichen Gnadenakt. Diese pausenlose Dringlichkeit, mit der sie ihren Genoss*innen einheizte und die ihr neben Bewunderung auch genervte Kritik einbrachte, hat sie bis zum Tod unsagbar viel gekostet. Es hat sie aber auch durchhalten und Historisches schaffen lassen, das bis heute wirkt.

Welches Zitat oder welcher Slogan von Luxemburg gefällt Ihnen am besten? Welcher kann am ehesten für das stehen, was sie mit ihr verbinden? Warum?

Das ist schwierig in eine Reihenfolge zu bringen. Als Internationalistin, radikale Demokratin, sozialistische Universalistin und humorbegabte Frau, die sich auch für Flora und Fauna interessierte, steht Rosa Luxemburg für vieles gleichzeitig, das gilt auch für die Botschaften, die sie für sich und andere gefunden hat. Es gibt es großes Repertoire an Luxemburg-Schlüsselsätzen, die in unterschiedlichsten Situationen willkommene Inspiration oder Anleitung sind. Ich entscheide mich für ihr permanent gültiges „trotz alledem“: „So ist das Leben und so muss man es nehmen, tapfer, unverzagt und lächelnd – trotz alledem.“ Und für ihre Handlungsaufforderung „Zu sagen was ist, bleibt die revolutionärste Tat.“. (Dies ist ja zugleich ein Lassalle-Zitat; das hat sie oft getan: Die Sozialdemokratie an etwas erinnert, wofür sie einmal stand.) Und über jeder Parteiarbeit steht ihre Befreiungsmaxime „Nur wer sich bewegt, spürt seine Fesseln.“

Was würden Sie aus heutiger Sicht sagen, wofür Luxemburg in erster Linie steht? War sie vor allem Antikolonialistin/Antiimperialistin, marxistische Theoretikerin, furchtlose Revolutionärin, eine (indirekte?) Feministin,...? Wie sehen Sie sie?

Rosa Luxemburg hat nicht zugelassen, dass verschiedene Kämpfe gegeneinander ausgespielt werden, wie das heute so oft passiert, etwa Kämpfe um Frauen- oder Minderheitenrechte gegen Arbeitskämpfe. Andererseits hat sie auch voreilige Versuche, die einen Kämpfe mit den anderen zu vereinigen und dabei womöglich einander über- und unterzuordnen, zurückgewiesen: So konnte sie z.B. verführerischen „Paketlösungen“ widerstehen, bei denen etwa die nationale Unabhängigkeit eines (neo)kolonial ausgebeuteten Kollektivs einfach als identisch mit der Lösung der Ausbeutungsfrage gesetzt wurde. Den polnischen Befreiungsnationalismus sah sie kritisch. Ihr war früh bewusst, dass Befreiungsnationalismus entweder nicht siegen kann, weil er zu lokal funktioniert, weil es um globale Probleme geht, um Weltmarkt und internationalen Klassenkampf – oder aber, wenn er siegt, der Nationalismus übrigbleibt und die Befreiung kassiert wird. Das war schon prophetisch: Von vielen Erfahrungen mit Kämpfen im Weltmaßstab weiß man, wie groß diese Gefahr ist, und außerdem war es eine sehr frühe Absage an Koalitionen aus Linken und Rechten gegen „Eliten von anderswo“. Rosa Luxemburgs analytische Schärfe und Klarheit kamen außerdem daher, dass sie Unterdrückung und Ausbeutung nie abstrakt moralisch angegriffen hat, sondern immer wissen wollte: Woher kommt das, wer profitiert wie?

Ist Luxemburg in der Linken noch jemand, auf die man sich beruft? Gibt es verschiedene Meinungen über sie? Wird sich noch an sie erinnert? In welcher Weise und wie stehen Sie dazu?

Klar. Die Stiftung unserer linken Organisationsfamilie ist nach ihr benannt und agiert in ihrem Sinne weltweit. Wer will, findet bestimmt auch Veranstaltungen und Genoss*innen, mit denen sich über Strittiges und „Blinde Flecken im Werk von…“ auseinandersetzen lässt. Allgemein gesprochen gibt es aber keine grundlegenden Differenzen in der Bewertung. Sie war unbestritten wichtig und ich kenne keine*n, die oder der das verneint, wenngleich sie nicht die einzige „Säulenheilige“ unter den Vorkämpfer*innen ist. Nach Clara Zetkin etwa ist unser Fraktionssitzungssaal und auch der Frauenpreis der LINKEN benannt. Eine wunderbare „Neuproduzentin“ von Rosa Luxemburgs Werk im Kontext der LINKEN ist Frigga Haug – wie sie Luxemburgs ‚revolutionäre Realpolitik‘ für die heutige Zeit empfiehlt, das hilft schon sehr.

Gehen Sie zum jährlichen Gedenkmarsch im Januar? Waren Sie schonmal da? Wenn ja, wie haben Sie das erlebt? Da kommen ja sehr verschiedene Gruppierungen zusammen. Haben die Teilnehmenden dort Luxemburg verstanden?

Ich besuche in Bremen jedes Jahr bei Wind und Wetter den Waller Friedhof zur Erinnerung an die Verteidiger*innen der Räterepublik, und damit hat es, was solche Prozessionen und Veranstaltungen angeht, meist sein Bewenden. Ich finde es richtig, an das Leben und die Ermordung von Luxemburg und Liebknecht zu erinnern, und will mir nicht anmaßen, vorzugeben, was dafür die richtige Form und Motivation ist usw.. Manche Obskuritäten des Personenkults sind aus Gründen nicht meins, aber mir ist lieber, zentrale Gedenken finden unter starker Beteiligung reflektierter Genoss*innen und Linker statt, als dass sie von der Bühne notwendiger Geschichtspolitik verschwinden. Manche Widersprüche muss man auflösen, andere aushalten. Und dass sich die Demo aus unterschiedlichen Vorstellungen und Repräsentationswünschen heraus gespalten hat, führte in diesem besonderen Fall nicht zu einer „Schwächung“ oder dem Erliegen des Gedenkens, sondern zu einer breiteren Auseinandersetzung mit Luxemburg und Liebknecht und ihrem möglichen Einfluss heute.

Was meinen Sie, warum sich noch immer Menschen für sie interessieren? Was macht sie so zeitlos?

Sie hat keine Linke gründen dürfen, sie hat eine vorgefunden: die Sozialdemokratie, die sie auf Kurs zu halten versuchte und dann verlassen musste, um woanders weiterzumachen. Ihre Ausgangssituation kennen wir auch heute: Es ist immer ein Mittendrin, die Geschichte hat eine Vorgeschichte, die wir mitdenken müssen; und für die bessere Zukunft müssen wir kämpfen. Diese Haltung, ihre abenteuerliche Biografie und eine Reihe durchdeklinierter Forderungen und Analysen, die uns bis heute beschäftigen, macht sie bis auf Weiteres aktuell.

Finden Sie, dass man Rosa Luxemburg zurückblickend als Feministin bezeichnen kann? Warum/ warum nicht?

Rosa Luxemburg kam aus einer belesenen, unterstützenden Familie, was wohl eine entscheidende Grundvoraussetzung für ihr Vorankommen und -wollen war. Unter sozusagen intersektionalen Maßgaben gedacht, war sie als weibliche, polnische, jüdische Akteurin mehrfach von potenziellen Ausschlüssen und Angriffspunkten betroffen. Das hat sie nicht abgehalten, und sie hat es meines Wissens auch nicht thematisiert. Sie hat sich mit Männern messen und auseinandersetzen müssen, weil die politische Welt eine männliche war, aber sie hat sich nicht nur an Männern orientiert. Zu ihrem Zirkel zählten genauso Frauen wie Clara Zetkin und Luise Kautsky, mit denen sie sich intensiv ausgetauscht und vernetzt hat. Zum Kampf um das Frauenwahlrecht hatte sie ein ambivalentes Verhältnis, weil sie das Anliegen eher bürgerlich statt klassenkämpferisch einstufte. Dass das Frauenwahlrecht, für das Zetkin mit großer Kraft kämpfte, im Zuge der Novemberrevolution auch die Abschaffung der Ständeherrschaft bedeutete, hätte Luxemburg vielleicht deutlicher erkennen, herausarbeiten, anstreben können. Gleichzeitig war ihr Mahnen produktiv und ist im Kontext von Äußerungen zu lesen, mit der sie zur „Befreiung des Frauengeschlechts und Menschengeschlechts vor den Schrecken der Kapitalherrschaft“ aufruft.

Kann Luxemburg aus Ihrer Sicht ein Vorbild für kommende Generationen sein? Inwiefern?

Deshalb: Man opfert Einsichten nicht für Mehrheiten. Und man igelt sich auch nicht in der Minderheit ein, die nur recht haben will und nichts erreichen: Diese Balance ist schwierig, aber Rosa Luxemburg hat sie bis zum Schluss durchgehalten. Finde ich vorbildlich.

Können Sie etwas empfehlen, das mit ihr zusammenhängt? Einen Text, Buch, Film, Ort, Aktivität, Ausstellung, Stadtführung, Rezept,...?

Die 2018 auch auf Deutsch erschienene Graphic Novel von Kate Evans zu Rosa Luxemburg setzt ihr Leben als Privatperson und Politikerin kenntnisreich und liebevoll in Szene. Wer Zeit hat, kann sich auch nacheinander zwei Filme anschauen: „Rosa Luxemburg“ von Margarete von Trotta und „Trotz alledem!“ von Günter Reisch. Der erste ist aus der BRD, Barbara Sukowa spielt die Titelrolle, im zweiten spielt Zofia Mrozowska diesen Part, Produktionsland war die DDR. Das faszinierende ist: Man sieht, dass beide Filme nicht ganz hinhauen, und ahnt, was die perspektivischen Verkürzungen mit den beiden Staaten zu tun haben, in denen sie entstanden sind. Sehr lehrreich.

Wer ist “Ihre” Rosa Luxemburg in drei Worten?

Praktikerin der Revolutionstheorie.

Im November wurde eine szenische Lesung aus Protokollen des Gründungsparteitags der KPD im Paul-Löbe-Haus von den Fraktionen der Union und AfD verhindert. Wessen Idee war die Lesung ursprünglich? Woran genau, an welche Themen und Gedanken sollte damit erinnert werden? Die Verhinderung der Veranstaltung war ein ungewöhnlicher Vorgang – richtig? Wie bewerten Sie das? Auch dass es möglich ist, eine solche Lesung in den Räumlichkeiten quasi zu verbieten? Was zeigt das?

Die Lesung wurde von Luc Jochimsen konzipiert und auf Initiative der Fraktion veranstaltet. Sie reihte sich ein in das Erinnern an die Novemberrevolution, die Spaltung der Sozialdemokratie, die Einführung des Frauenwahlrechts. Auch in Hinblick auf Rosa Luxemburg ist der KPD-Gründungsparteitag spannend, sie war ja in einigen wichtigen Punkten unterlegen, etwa mit ihrer Forderung, die KPD „Sozialistische“ Partei Deutschlands zu nennen, nicht „Kommunistische“.

Die Verhinderung der szenischen Lesung war auf jeden Fall ein ungewöhnlicher Vorgang. Die KPD war eine demokratisch gewählte Partei, die zum Gründungsparlament der ersten deutschen Republik gehörte. Ihre Mitglieder trugen einen Großteil zum Widerstand gegen Hitler bei und wurden dafür hart verfolgt. Auch mehrere Reichstagsabgeordnete der KPD wurden durch die Faschisten verhaftet, gefoltert und ermordet.

Wenn CDU/CSU und AfD eine szenische Lesung dazu im Bundestag nicht ertragen und im Schulterschluss durchsetzen, dass die Veranstaltung so nicht sein darf, ist das sehr bezeichnend für diese Zeit und das, was an Rechtsverschiebung stattfindet und droht.

Das Interview mit der Zeitschrift Exberliner findet sich auch hier.