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Frauenfußball #3: Pressemitteilung - Bundesregierung nimmt Handlungsbedarfe kaum zur Kenntnis

In einer Kleinen Anfrage hat Doris Achelwilm, Sprecherin für Gleichstellungspolitik der Fraktion DIE LINKE, nach der Förderung von Geschlechtergerechtigkeit im (Profi-)Fußball gefragt. Bis Ende 1970 hatte der DFB ein Frauenfußballverbot ausgesprochen. Erst 1990 richtete der Verband die Frauenfußball-Bundesliga ein. Der Frauen-Fußball hat sich mit begrenzten Mitteln und aus eigener Kraft in den letzten Jahrzehnten professionalisiert. Letzte Woche hat die UEFA die Neustrukturierung der Women's Champions League beschlossen: Ab der Saison 2021/22 soll eine Gruppenphase mit 16 Mannschaften eingeführt werden. Die Zuschauer*innenzahlen sollen in den kommenden fünf Jahren verdoppelt werden. Ein wichtiger Schritt im Frauen-Fußball, der aller Wahrscheinlichkeit nach auf die Gehaltsforderungen der Spielerinnen Auswirkungen haben wird. Achelwilm: „Umso ernüchternder fällt die substanzlose und desinteressierte Haltung der Bundesregierung zum Thema aus.“

Für eine Vielzahl der Fragen (u.a. zur Kenntnis von Vermarktungseinkünften, Gehaltsentwicklungen, Übertragungsrechten, Team- und Spieler*innenzahlen) erklärt sich die Bundesregierung nicht zuständig, da diese ‚Aspekte außerhalb der Fördermaßnahmen des Bundes‘ lägen. Sie zeigt sich lediglich darüber informiert, dass an Olympia-Stützpunkten eine qualitativ hochwertige Grundbetreuung von Fußballerinnen ‚möglich‘ sei. Ansonsten bekundet sie noch das Bestreben, ‚in allen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereichen geschlechtsspezifische Entgeltunterschiede abzubauen sowie auf die Verwirklichung des Gebotes des gleichen Entgelts für Frauen und Männer für gleiche und gleichwertige Arbeit hinzuwirken‘. 

„Eine angemessene Wertschätzung des weltweit an Aufmerksamkeit gewinnenden Frauen-Fußballs und der politischen Handlungsbedarfe, die in Medien- und Fachdebatten dazu angesprochen werden, findet im Zuge der Beantwortung mit keiner Silbe statt“, kritisiert Achelwilm. „Das in der Antwort pauschal behauptete Interesse der Bundesregierung an geschlechtsspezifischen Entgelt- und Infrastruktur-Unterschieden im (Profi-)Fußball ist konkret nicht erkennbar.“

Dass Zahlen und Entwicklungen im Profi-Sport politisch nicht zu Kenntnis genommen werden, kann nicht allein mit der Autonomie der großen Verbände begründet werden. Auch Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst, Kultur sind grundsätzlich autonom – trotzdem gibt es staatliche und gesetzgeberische Maßnahmen, um geschlechtsspezifischer Ungleichheit entgegenzuwirken.

Achelwilm weiter: „Dass mangelnde Fördermaßnahmen und Strukturen im Bereich des Frauen-Fußballs nicht der Bundesregierung anzulasten sind, sondern dem DFB und seinen Strukturen, ist bekannt. Gleichwohl haben Vertreter*innen der Bundesregierung Kontakte zum DFB und anderen Spitzenverbänden, die auch gleichstellungspolitisch bzw. im Sinne des Frauenfußballs genutzt werden müssten. Eine Aufbereitung und Analyse der – auch geschlechtsspezifischen – Entwicklungen im Profi- und Breitensport-Fußball der letzten Jahre sollte als politische Aufgabe begriffen werden. Es ist überfällig, geeignete Maßnahmen zu diskutieren, um mit den historisch gewachsenen Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen, die Fußball spielen, organisieren oder trainieren, einen Umgang zu finden.“ 

Themen, die aus Sicht Doris Achelwilms in dieser Sache aktuell zu diskutieren wären, sind z.B. Mindestgehälter, die Profi-Fußballerinnen wenigstens ein Stück weit von zusätzlichen Erwerbspflichten und Prekarität entlasten. Der spanische Fußballverband befindet sich mit seinen Profi-Spielerinnen derzeit in Verhandlungen, pro Spielerin ein Mindestgehalt von 16.000 bis 18.000 Euro (also 1.300-1.500 Euro monatlich) zu zahlen. „So eine tariflich ausgehandelte Gehaltsregelung sorgt wenigstens dafür, dass die Frauen im Profi-Fußball eine Existenzgrundlage erhalten und ihren Sport anders ausüben und repräsentieren können. Der Professionalisierung von Frauen im Fußball muss auch mit Fragen von Altersvorsorge, Gesundheitsvorsorge, Schwangerschaft begegnet werden. Profi-Fußball der Männer und Frauen mögen sehr unterschiedlich kommerzialisiert sein – die entgrenzte Kapitalisierung ist hier nicht als Vorbild zu verstehen, sondern eine Debatte für sich. Für den Moment gilt es, nicht einfach hinzunehmen, dass die Strukturen und Bedingungen so eklatant auseinanderklaffen, während Frauenfußball längst als Breiten- und Leistungssport etabliert ist“, so Achelwilm.

Weltweit äußert sich zur strukturellen Geringschätzung von Frauen-Fußball zunehmend sichtbarer Protest: In den USA klagten Spielerinnen wegen Verstoß gegen das Diskriminierungsverbot. Das dänische Frauenfußball-Team trat im WM-Qualifikationsspiel gegen Schweden 2017 in den Streik und erstritt dadurch einen besseren Vertrag. Achelwilm: „Es wird höchste Zeit, dass diese Debatte auch in Deutschland geführt und die Situation weiblicher Aktiver im Breiten- und Profi-Fußball deutlich verbessert wird.“

Die Kleine Anfrage "Geschlechtergerechtigkeit im deutschen Profi-Fußball" und die Antworten der Bundesregierung finden Sie hier.


Für Bremen und Bremerhaven in Berlin

Sprecherin der Linksfraktion für Gleichstellungs-, Queer- und Medienpolitik