8. Juli 2017

#noG20: "Trotz allem überwiegend politisch, ernsthaft, humorvoll, relevant, solidarisch und besonnen"

Hamburg wird uns noch eine Weile beschäftigen, und ich hoffe auch, dass es so ist. Ich will Transparenz über polizeiliche Manöver, Praktiken und Taktiken, über die Zusammensetzung und Motive der Leute, die binnen verstörender drei Stunden die Schanze zerlegt haben, über die Vorkommnisse in der Gefangenensammelstelle, über den Entzug von Grundrechten gegenüber friedlichen Demonstrant*innen, genehmigten Protestcamps und Demozügen, gegenüber Pressevertretern.

Es braucht öffentliche Debatten über das leichtfertige Spiel mit Gewaltdynamiken, Angst und Panik, Lebensgefahren. Ich will sehen, dass und wie die verantwortliche Politik die desaströse Entscheidung, den Gipfel nach Hamburg zu holen, aufarbeitet. Ich möchte mich über den positiven Verlauf und die inhaltliche Relevanz der Großdemo am Samstag freuen können, ohne dafür unter Gewalt(verharmlosungs)verdacht zu stehen.

Ich wünsche mir (selbst-)kritische Aufbereitungen der Ereignisse in Gremien, Partei- und außerparlamentarischen Plenumsrunden, Redaktionen, Polizeiräumen, in wissenschaftlichen Studien, in parlamentarischen Untersuchungsausschüssen, in übergreifenden Zusammenhängen, die auf emanzipatorische Fehleranalysen und Konsequenzen orientieren statt auf Regression, stumpfe Agitationen und billige Reflexe.

Ich bin froh, dass der G20-Protest trotz allem überwiegend politisch, ernsthaft, humorvoll, relevant, solidarisch und besonnen war, und entsetzt, dass Versammlungsfreiheit keine Selbstverständlichkeit mehr darstellt; dass es so massiv auf vielen Ebenen zu entgrenzter und die Betroffenen wohl noch lange beschäftigender Brutalität gekommen ist.

Es ist schlimm und nicht ausschließlich auf die Exzesse zurückzuführen, dass die notwendige Kritik an den G20 und ihren Geostrategien häufig nicht mehr durchdrang. Viele Kommentatoren wollen die Themen, um die es eigentlich ging, die zahllosen Fakten dieser Tage ganz augenscheinlich nicht hören, sondern sich einseitig ereifern – auch diese Form von Aufmerksamkeitsökonomie ist ein Problem, das mit langem Atem behandelt gehört.

Die Anwohner*innen der Schanze sollen für ihre Einbußen entschädigt werden, klar, aber es muss auch dafür gesorgt sein, dass durch Übergriffe heftig Verletzte, (jugendliche) Ingewahrsam-Genommene und nachhaltig irritierte Polizei- und Rettungskräfte über das Erlebte und Unaufgearbeitete reden und handeln können.

Die kleinen Eckkneipen und Cafés in St. Pauli, deren Toiletten von reihenweise Demonstrant*innen genutzt werden durften, mögen für immer ordentliches Trinkgeld bekommen. Ich bin allen dankbar, die in der letzten Woche geholfen haben, Demokratie zu verteidigen, Schutz zu bieten und De-Eskalation, Umsicht, Solidarität, Klarheit zu üben. Lasst uns durch diese Ereignisse klüger und nicht dümmer werden. Zigtausende haben sehr bewusst und geschlossen demonstriert, hunderte Artikel, Postings und Gespräche zu den Geschehnissen sind cool, informativ und differenziert, es gibt mehr als genug Gründe zur Hoffnung.