2. März 2017

Grußwort zur Bremer Premiere des Films "Der junge Karl Marx" in der Schauburg

Film-Premiere in der Schauburg

Filmplakat "Der junge Karl Marx", Verleih: Neue Visionen

Sehr geehrte Damen und Herren, liebes Kinopublikum,

ich freue mich, Sie heute als „Filmpatin“ für die Bremer Premiere des Films „Der junge Karl Marx“ hier in der Schauburg begrüßen und thematisch einstimmen zu dürfen. Wieso „Filmpatin“?: Weil sich vor einigen Monaten eine fruchtbare Kooperation zwischen Filmverleih und Linkspartei zugetragen hat, in der DIE LINKE und weitere Gliederungen unserer Organisationsfamilie die ehrenvolle Rolle übernehmen, den Film bundesweit mitzubewerben und in die Erstaufführungen einzuleiten. Was ich hiermit – unterstützt vom Studierendenverband SDS – gerne tun will.

Mein Name ist Doris Achelwilm, ich bin Landessprecherin der Linkspartei in Bremen, war vor langer Zeit als Kulturjournalistin tätig und habe davor in Hannover studiert, darunter Politik im Nebenfach und eben auch – ohne damit fertig zu werden – „Das Kapital“ von Karl Marx. Viele, die hier sitzen, wissen es vermutlich selbst: „Marx durchzunehmen“ führt nicht einfach zu einem „Schein“, zu Creditpoints oder einem Titel, der eine Weile der Qualifikation unter Prüfungs- und Leistungsdruck abschließt. Marx schließt auf – und eröffnet eine Auseinandersetzung mit Fragen von Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit, die das Gefühl, eine Ethik bzw. gesellschaftspolitische Schmerzgrenze zu haben, zu einer Sache von Logik, Argumentation, Strategie, Veränderungswillen und notwendiger Praxis macht. Das Werk von Marx ist keine Sammlung blauer Bände, die man samt Folgeliteratur besitzen oder beherrschen kann, sondern ein Prozess, eine Politisierung und Haltung im Werden. Marx-Beschäftigung geht über individuelles „Lernen“ und Wissen hinaus, weil sie die Reibung mit Freund*innen, Genoss*innen oder Widersachern, mit Geschichte, Machtfragen, das große Ganze angehende Gedanken verlangt, eine Auseinandersetzung, die in kleinen Interpretationszirkeln passieren kann oder – anders vermittelt – in realpolitischen Kämpfen gegen die aktuellen Krisenphänomene und eine exorbitante soziale Spaltung. Oder eben: in Form eines Films wie „Der junge Karl Marx“. Erscheinungsjahr 2017: 150 Jahre, nachdem sein Hauptwerk „Das Kapital“ erschienen ist. Als Teil einer warenförmigen Kulturindustrie, die man ideologiekritisch betrachten, aber auch produktiv nutzen kann, weil sie Welt erschließt und neue Perspektiven schafft.

Auch dieses Spannungsverhältnis ist: Dialektik – ein Wort, das viele immer noch einschüchtert und abstößt, weil man dahinter etwas furchtbar Abstraktes und Schwerverständliches vermutet. Die alten Griechen verstanden darunter die Streit- und Debattierkunst, das Sprechen und Widersprechen. Hegel, der philosophische Lehrer, der auf den jungen Marx entscheidenden Eindruck machte, sah in der Dialektik mehr als eine Argumentationsform. Er behauptete, die Ideen, nach denen sich die Wirklichkeit richtet, seien selbst so aufgebaut wie ein Streit, lägen permanent im Kampf. Marx ging dann noch einen Schritt weiter, indem er diese Ideen, statt sie irgendwo hinter, unter oder neben der Wirklichkeit zu suchen, aus dieser Wirklichkeit selber hervorgehen ließ. Die Entwicklung der Tatsachen, nicht nur die Auseinandersetzung über sie, vollzieht sich, so sah er das, in Widersprüchen, und tatsächlich hält sich die Welt bis jetzt ziemlich lückenlos daran. Auch das Kino, wo wir gerade sind. Zum Beispiel das Prinzip der Montage als Instrument zur Verdeutlichung einer Handlung - also ein Prinzip, das Widersprüchliches per Schnittfolge verbindet und das heute vom Spielfilm über den Werbespot bis zum Mashup-Clip unsere Sehgewohnheiten beherrscht - hat der russische Regisseur Sergei Eisenstein bewusst aus genau diesem von Marx behaupteten dialektischen Charakter der Welt, die er im Film zeigen wollte, abgeleitet.

Marx ist nicht interessant, weil er "gewonnen" hat, wie wir wissen. Die Verhältnisse sind unter vielen Blickwinkeln noch so, wie er unter widrigsten Lebensumständen beschrieben und zur Umwälzung empfohlen hat – sieht man davon ab, dass die Welt globalisierter, technologisierter, komplizierter, entwickelter, zerstörter geworden ist, und er umständehalber nicht alles berücksichtigt hat, was moderne Klassenkämpfer*innen heute umtreibt. Aber das eigentlich Bemerkenswertere ist: Die von ihm, Engels und vielen anderen, nicht zuletzt Frauen, zu Papier und Wirkmacht gebrachte Idee hat nicht und nichts verloren. Der Fortgang von Geschichte und Kämpfen ist offen und dieses weiter treibende Werk mit großer Präsenz da. Auch vor diesem Hintergrund hoffe ich, dass der Film „Der junge Karl Marx“ nicht nur formal-filmisch trägt und seinem Gegenstand bei aller notwendigen Verkürzung gerecht wird, sondern auch eine Spur an Spannung und Flimmern transportiert.

Das Setting wird in der Mitte des 19. Jahrhunderts angesiedelt sein. Mit Friedrich Engels als Freund und Kollaborateur ist sogar für einen – wenn auch sehr hintergründigen – Bremer Bezug gesorgt, weil Engels zeitweise hier wirkte. Ich habe den Film noch nicht gesehen und freue mich über neue Perspektiven auf einen großen Revolutionär und Getriebenen durch den Regisseur Raoul Peck. Reden und Debattieren, so entnahm ich den Kritiken bis hierher – sind zentrale Momente des Plots. Ich hätte nichts dagegen, wenn sie auch in unserem Umgang mit Politik und Gesellschaft eine größere Rolle spielen. In diesem Sinne lade ich Sie herzlich ein, nach dem Film noch auf ein Getränk zu bleiben und die Diskussionsrunde des Studierendenverbands DIE LINKE.SDS Bremen zu besuchen.

Ich bedanke mich beim SDS für die Organisation, beim Verleih ‚Neue Visionen‘ für die Kooperation, bei der Schauburg und Robert Erdmann für die Ausrichtung des heutigen Abends im Zusammenhang mit der Filmvorführung und bei Ihnen für die Aufmerksamkeit anlässlich dieses unüblichen Grußworts. Vielen Dank!