3. Mai 2018

"Haben alle die gleichen Chancen?" - Gleichstellungspolitischer Fraktionsvergleich des Online-Portals mitmischen.de

Das Online-Portal "www.mitmischen.de - Dein Portal zum Bundestag" hat im zeitlichen Umfeld des bundesweiten Girls' (und Boys') Days mit Frauen- und Gleichstellungspolitiker*innen aller Fraktionen über Geschlechtergerechtigkeit gesprochen. Hier die Fragen und meine Antworten: 

Der Girls’ Day ist ein einmal im Jahr stattfindender Aktionstag, der speziell Mädchen und Frauen motivieren soll, technische und naturwissenschaftliche Berufe zu ergreifen. Beim Boy‘s Day am selben Tag geht es darum, Männern soziale Berufe schmackhaft zu machen. Ein guter Tag? 

Berufe kennenzulernen, ist eine wichtige Erfahrung und kann den Blick öffnen für neue Perspektiven. Zugleich wird es höchste Zeit, die alte Trennung von so genannten Männer- und Frauenberufen zu überwinden. Deshalb ist es gut, dass Mädchen und Jungen die Möglichkeit haben, am Girls‘ Day und am Boys‘ Day Einblicke in unterschiedliche, vermeintlich „untypische“ Berufszweige zu gewinnen. Dazu möchte ich aber auch sagen, dass die sozialen Berufe attraktiver werden müssen, um Männer und Frauen gleichermaßen anzusprechen. Sie müssen besser bezahlt werden sowie als gesellschaftlich unabdingbare, hochqualifizierte Arbeit anerkannt werden. Gleichzeitig muss die Arbeitswelt darauf eingestellt werden, dass Beruf und Familie für alle Beschäftigten leichter unter einen Hut zu bekommen sind.

Erhebungen zeigen regelmäßig, dass Frauen im Durchschnitt weniger verdienen als Männer. Wie kommt es zu den Unterschieden? 

Die Gründe für den durchschnittlichen Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen in Höhe von derzeit 21 Prozent sind sehr vielschichtig. So sind die Branchen, in denen überwiegend Frauen arbeiten, in der Regel die mit den schlechteren Gehältern; viele Frauen arbeiten in kleineren Betrieben mit geringeren Löhnen und – familienbedingt – in schlechter bezahlter Teilzeit. Frauen werden seltener befördert und steigen deshalb seltener in hochbezahlte Führungspositionen auf. Diese strukturellen Benachteiligungen schafft man nicht aus der Welt, indem man Frauen nahelegt, doch einfach gut bezahlte Berufe oder Vollzeitstellen zu wählen. Deshalb müssen die beruflichen Anforderungen und Belastungen in „Frauen-dominierten Berufen“ (z.B. soziale Arbeit, Pflege, Bildung) höher bewertet statt grundsätzlich schlechter bezahlt werden als vergleichbare „männlich geprägte“ Berufe (z.B. IT- oder metallverarbeitende Industrie).

In den Führungsetagen von Unternehmen und Behörden sitzen mehr Frauen als Männer. Im Bundestag liegt der Frauenanteil bei 30 Prozent, im 16-köpfigen Kabinett sind es sieben Frauen. Für Sie in Ordnung oder nicht? 

Nein. Dass Frauen in Führungspositionen und Parlamenten unterrepräsentiert sind, ist ein Problem. Ich setze mich als gleichstellungspolitische Sprecherinder der Linksfraktion zusammen mit vielen Kolleg*innen dafür ein, dass wirksame Maßnahmen ergriffen werden, um den Frauenanteil etwa im Bundestag, aber auch in vielen anderen Positionen so zu erhöhen, dass wir in nicht allzu ferner Zeit bei paritätischen Zusammensetzungen landen. Im Übrigen schreibt nicht zuletzt das Grundgesetz vor, dass der Staat „die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern“ fördert und „auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin[wirkt]“ (Art. 3, Satz 2 GG). In der Hinsicht gibt es trotz aller formalen Gleichstellungsgebote großen Nachholbedarf.

Sollte die Politik in Ihren Augen politisch beim Thema Chancengleichheit aktuell etwas tun? Wenn ja, was sind zwei Punkte, die als erstes angegangen werden sollten? 

Die Politik ist bei der Durchsetzung der Chancengleichheit in der Pflicht. Es bedarf eines ganzen Bündels notwendiger Maßnahmen, um hier wirksam voranzukommen. Besonders wichtig ist sicherlich die Durchsetzung des Grundsatzes „Gleicher Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit“ durch ein wirksames Entgeltgleichheitsgesetz mit einem echten Verbandsklagerecht. Außerdem muss die soziale Infrastruktur für Familie, Kinder und Jugendliche wieder ausgebaut werden. Dazu gehört eine gebührenfreie, bedarfs- und altersgerechte Kinderganztagsbetreuung.